Stadt
und Kloster Ellwangen im Mittelalter
Die meisten Menschen lebten im Mittelalter auf dem Land
und beschäftigten sich mit der Landwirtschaft. Das Handwerk
entwickelte sich erst im Hochmittelalter. Die Menschen waren im
Mittelalter abhängig von ihrem Grundherrn. Im Frühmittelalter
entwickelte sich das Lehnswesen. Das Lehnswesen regelte das Leben
der Menschen das ganze Mittelalter hindurch bis ins 19. Jahrhundert.
Das Leben der Menschen im Mittelalter war vom Glauben
an Gott bestimmt. Klöster spielten eine wichtige Rolle im gesellschaftlichen
Leben.
Die Siedlung Ellwangen wurde vermutlich in der ersten Hälfte
des 8. Jahrhunderts an der Grenzscheide zwischen den Reichsteilen Alamannien und Austrasien im
dünn besiedelten Virngrundurwald gegründet.
In den letzten Regierungsjahren des Pippin wurde bei dieser Siedlung
ein Kloster gestiftet. Das Kloster wurde nach der Ellwanger Überlieferung
im Jahr 764 von Erlolf, dem
Bischof von Langres und seinem Bruder Hariolf als
adeliges Eigenkloster auf eigenem Grund
und Boden gegründet.
Bereits in der Gründungsphase erhielt die Stiftung Reliquien
aus Langres und
aus Rom. Kurze Zeit nach der Gründung übereigneten die
Gründer ihr Kloster dem
König, Karl
dem Großen. Ellwangen wurde dadurch zum Reichskloster. (RI
521)
Benediktinerklöster dieser Zeit, wie z.B. das Kloster
Ellwangen, unterstützten die Karolinger bei der Festigung
der fränkischen Königsherrschaft. Durch seine Lage im alamannisch - austrasisch - bairischen Grenzgebiet war das Kloster
ein wichtiger Stützpunkt für die Karolinger bei den Auseinandersetzungen
mit Tassilo, dem Herzog der Baiern.
Die Klostergründung im Virngrundwald kümmerte
sich neben der Glaubensverkündigung um die Erschließung
des Urwaldes in der Umgebung. Im Hochmittelalter erreichte
die Gründung neuer Siedlungen dann einen Höhepunkt.
Der heute noch bestehende Kalte
Markt, ist als Pferdemarkt
bereits im Frühmittelalter entstanden. Seine Anfänge
gehen vielleicht sogar bis in die Gründerzeit der Abtei zurück.
Die Benediktinerabtei Ellwangen war im 9. Jahrhundert mit
weit über 100 Mönchen eines der mitgliederstärkeren
Reichsklöster des fränkischen Reiches. Der Ellwanger
Mönch Ermenrich wurde im Jahr 866 Bischof von Passau. Ob auf
sein Betreiben der Slawenapostel Methodius nach seiner Verurteilung
im Jahr 870 in Ellwangen gefangen gehalten wurde, kann als wahrscheinlich
beantwortet werden, ist aber nicht eindeutig geklärt.
Im Jahr 979 wurde die Abtei Ellwangen von Benedikt
VII.
direkt dem Papst unterstellt. (RI 567) Kurz darauf wurde die Abtei
Ellwangen in weltlicher Hinsicht direkt dem Kaiser unterstellt. (RI 996)
Ein großes Territorium konnte das Kloster Ellwangen
nie erwerben. Es bestand aus der Umgebung des Klosters im oberen
Jagsttal und Streubesitz auf der Schwäbischen Alb, bei Heidelberg,
bei Nürnberg sowie im Raum Gunzenhausen. (RI 2056)
Die Zeit der mittelalterlichen Stadtgründungen begann
im 12./13. Jahrhundert. Vorher gab es nur wenige, noch aus der
Römerzeit
stammende Städte.
Abt Helmerich verkaufte um das Jahr 1130 Baugrund innerhalb
der Klosteranlage an sogenannte Laien. Anscheinend kostete der
Bau der neuen Kirche - die Alte war um das Jahr 1100 abgebrannt
- viel Geld. An der südlichen Klostermauer wurden Häuser
gebaut und der sich südlich an das Kloster anschließende
Teil der Siedlung Ellwangen wurde mit der Klosteranlage vereinigt.
Durch die Vereinigung von Kloster und Siedlung wurde die
klösterliche Ruhe gestört. Dies und die finanzielle Situation
waren die Gründe für den erzwungenen Rücktritt Abt
Helmerichs im Jahre 1136. Die Maßnahmen Abt
Helmerichs waren
für die Entwicklung der Siedlung Ellwangen zur Stadt richtungsweisend.
Sie wurden auch unter seinen Nachfolgern nicht rückgängig
gemacht.
Im
Jahre 1182 brannte die Klosterkirche erneut ab.
In der Stauferzeit entwickelte
sich die Klostersiedlung Ellwangen zur Stadt.
Stadtherr war der Abt.
Die Häuser in den Städten waren Wohn- und Wirtschaftsgebäude
und Wehrbauten. Das Wohnhaus des Bürgers entstand aus dem Bauernhaus.
Die Gebäude in den Städten waren im 13. Jahrhundert fast
ausschließlich langgestreckte Fachwerkhäuser in Ständerbauweise.
Die Gefache waren mit Holzgeflecht ausgefüllt, welches mit Lehm
abgedichtet wurde. Die Fußböden in den engen, stickigen und dunklen Räumen des Hauses bestanden meist aus festgestampftem Lehm. Die Dächer waren mit Stroh, Schilf oder Holzschindeln,
vereinzelt aber auch mit teuren Tonziegeln bedeckt. Die Häuser besaßen nur wenige Fenster, die in der kalter Jahreszeit abgedichtet wurden. Glasfenster kamen erst später in Gebrauch. Die
Beleuchtung erfolgte hauptsächlich durch Kienspäne, die jedoch
nur kurze Zeit brannten und ständig beaufsichtigt werden mussten.
Kerzen waren eine teure Alternative. Die als Wärmequelle benutzten
Feuerstellen eigneten sich nicht als Beleuchtung, da bei ihnen die
Glut überwiegte.
Seit dem Frühmittelalter gab es in Ellwangen zwei
Jahrmärkte. Im
Hochmittelalter entstanden
in Ellwangen - vielleicht im Zusammenhang mit der Entstehung der
Stadt – zwei
weitere Jahrmärkte. Es gab damals in Ellwangen:
- den Kalten Markt am Gedenktag des hl. Antonius und der
hl. Drillinge Eleusippus, Meleusippus und Speusippus (17. Januar)
- den Grasmarkt am Gedenktag der hl. Sulpitius und Servilianus
(23. Mai)
- den Veitsmarkt am Gedenktag des hl.Vitus (15. Juni)
- den Herbstmesstag oder Michaelismarkt am fünften Tag nach
Michaelis (3. Oktober)
Mit Abt Kuno (1188-1221) brach eine neue Blütezeit des Klosters
und der Stadt Ellwangen an. Seit 1215 führte Abt Kuno den Titel
eines Reichsfürsten.
Das Kloster Ellwangen war Fürstabtei. 1218 wurde ihm zusätzlich
die Abtei Fulda übertragen. Er spielte in der damaligen Reichspolitik
eine wichtige Rolle. Er war an der Spitze einer Delegation beim Papst
in Rom, um die Kaiserkrönung Friedrich
II. vorzubereiten. Große
Aufgaben hatte Kuno zudem in Ellwangen zu erfüllen. Auf dem
heutigen Schlossberg errichtete er eine erste Burg zum Schutz des
Klosters und der Stadt sowie als Residenz des Abtes. Teile der Stadt
mussten nach dem Brand von 1201 wieder aufgebaut werden. Während
des Abbatiates Abt Kuno I. erhielt die Stadt
Ellwangen das Recht über Leben und Tod zu richten. Der Bau der
zwischen 1182 und 1233 errichteten spätromanischen Klosterkirche wurde maßgeblich
durch Abt Kuno I. geprägt.
Höchstwahrscheinlich erreichte die Altstadt
von Ellwangen ihre
heutige Ausdehnung im Verlauf des 13. Jahrhunderts. Zu der geplanten
Stadtanlage mit den auf das Gotteshaus ausgerichteten Gassen wurde
der südliche Teil der Siedlung hinzugefügt welcher nicht
durch eine geplante Bebauung entstand. Die Stadt Ellwangen war in
dieser Zeit noch nicht mit einer Mauer umgeben. Sie war durch Gräben
und Wasserläufe gesichert. Diese sollten verhindern, das größere
Mengen von Waren unverzollt in die Stadt gelangten. Die Stadttore
waren vermutlich (bis auf das im Süden gelegene Steintor) aus
Holz. Dies genügte für Ihre Funktion als Zollstationen.
Der klösterliche Bereich war mit einer Verteidigungsmauer umgeben.
Durch das Ablegen des Bürgereides gegenüber dem Abt wurde
man Bürger der Stadt Ellwangen. Der Bürger übernahm
Verpflichtungen, wurde aber gleichzeitig in den Rechtsbereich der
Stadt aufgenommen. Hier galt das Bürgerrecht. Der Bürger
musste Abgaben an den Abt leisten. Aber auch der Abt war seinen Bürgern
gegenüber verpflichtet. Er bewahrte die Bürger z.B. vor
Schäden die ihnen durch falsche Waagen und Maße entstehen
konnten, indem er diese genau überprüfen ließ. Die
militärische Sicherung des Abteigebietes und der Stadt
sowie die Sicherung gegen Räuber und Verbrecher, wurde durch
Burgen gewährleistet. Diese Burgen dienten auch als Verwaltungszentren.
Der Abt als Stadtherr verlieh die Ämter der Stadt. Die Ratsherren
des Stadtrates bildeten zugleich das Stadtgericht. Vorsitzender des
Stadtrates sowie des Stadtgerichtes war der Stadtschultheiß.
Nach der politischen und kulturellen Blüte des Klosters und
der Stadt Ellwangen in der Stauferzeit begann seit Beginn des 14.
Jh. eine lange Epoche des wirtschaftlichen Niedergangs und des sittlichen
Zerfalls der Klöster insgesamt und insbesondere der Benediktinerklöster.
Die Mönche wichen von den Vorgaben der Regula
Benedicti ab.
Die Mitgliederstärke des Konvents sank stark ab. Persönlicher
Besitz wurde zugelassen. Die Aufteilung des Klosterbesitzes war der
Hauptgrund für die wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Benediktinerklöster.
Durch den Rückkauf der Vogteirechte über die niedere
Gerichtsbarkeit in Ellwangen, von den Grafen von Öttingen im 14. Jahrhundert,
war die Benediktinerabtei Ellwangen nur noch bei Ihrem Streubesitz
auf adelige Vögte angewiesen, die dort vom Kloster unabhängig
die weltliche Verwaltung sowie die Gerichtsbarkeit ausübten.
Die von den württembergischen
Grafen als Schirmherren des
Klosters Ellwangen, dem Abt und Konvent aufgedrängten strengen
Sparmaßnahmen,
blieben ohne spürbaren Erfolg. Der einzige bürgerliche
Abt, Siegfried Gerlacher (1400-1427), wurde gegen den Willen der
Mönche durch den Papst eingesetzt. Er versuchte das klösterliche
Leben zu reformieren, scheiterte jedoch an der ablehnenden Haltung
der Mönche. Die noch in Resten erhaltene Stadtmauer von Ellwangen
wurde wohl auf seine Initiative hin gebaut.
Die Abtei Ellwangen gehörte noch im Spätmittelalter neben
der Reichenau, St.
Gallen, Fulda und Prüm zu den bedeutendsten
deutschen Reichsabteien.
Gunzenhausen gehörte seit der Karolingerzeit zu den größeren
Grundherrschaften der Abtei Ellwangen. Der Verkauf des Ellwanger
Streubesitzes erfolgte im Spätmittelalter. Die Abtei Ellwangen musste
im Zuge der Entwicklung vom mittelalterlichen Personenverbandsstaat zum
Territorialstaat seinen weitläufigen Streubesitz aufgeben
um in einem kleinen, rechtlich zu behauptenden Territorium ein umfassendes
Regiment begründen zu können.
Im Spätmittelalter konnten die Fürstäbte des geistlichen
Fürstentums, erfolgreich eine Eingliederung ihres Gebietes in
den Herrschaftsbereich des Schirmherrn, von
Württemberg, verhindern.
Der große Brand des Jahres 1443, der das Kloster mit Kreuzgang zerstörte,
löste den Rest klösterlicher Ordnung, den
die Mönche bis dahin noch wahrten, vollends auf. Schließlich
wandelte der Papst während der Amtszeit von Abt Johann II. von Hürnheim, im Jahr 1460 das Kloster in ein
Chorherrenstift um.
Das Stiftskapitel setzte sich aus zwölf Stiftsherren zusammen.
Die letzten Mönche waren nun die ersten Stiftsherren. Neun Stiftsherren
waren Adelige; die restlichen drei konnten den fehlenden Adelstitel
durch das Doktorprädikat ersetzen. Dazu kamen zehn Chorvikare
zur Besorgung des Gottesdienstes. Die Stiftsherren brauchten nicht
mehr im Kloster zu leben, sondern konnten Häuser in der Stadt
beziehen. An der Spitze des reichsunmittelbaren Chorherrenstifts stand
der Fürstpropst. Er war gleichzeitig auch Stadtherr der Stadt
Ellwangen.
Die Übergangszeit vom Mittelalter zur
Neuzeit wurde in Ellwangen durch den Fürstpropst Albrecht
von Rechberg geprägt.
In seiner Regierungszeit besserte sich die wirtschaftliche Lage
der geistlichen Stiftung Ellwangen. Er konnte zudem noch Geld für
mehrere, die Stadt bis heute prägende Bauwerke aufbringen.
Die Stiftskirche wurde ausgebessert, die Wolfgangskirche wurde
gebaut. Das Spital wurde vom Klosterbereich in die Stadt verlegt.
Die Straße in der es gebaut wurde bekam den Namen Spitalstraße.
Albrecht von
Rechberg konnte eine Einbindung des Abteigebiets
in den Herrschaftsbereich des Grafen
von Württemberg in seiner
Regierungszeit nicht nur verhindern. Es gelang ihm sogar die Stellung
der Abtei als selbständiges geistliches Fürstentum zu
festigen.
Gemäß dem damaligen Zeitgeist wurde Albrecht
von Rechberg während seiner 40 jährigen Regierungszeit
nie zum Priester geweiht. Er lebte im Konkubinat und hatte zwei
Söhne. Fürstpropst
Albrecht von Rechberg starb im Jahre
1502 im Alter von 57 Jahren. |